«Ist der «Präsenzismus» veraltet?»

Doris Fink

Geschäftsführerin, SwisSolution

Es gibt viele Stellen, bei welchen die Präsenz am Arbeitsplatz unabdingbar ist. Moderne Arbeitsmodelle werden aber oft nicht eingeführt oder gelebt, weil «Präsenzzeit = Leistung» tief in den Köpfen verankert ist. Im Besonderen bei den Vorgesetzten und bei den Mitarbeitenden selber. Die «Teamkontrolle» ist nicht zu unterschätzen. Aber mit den hohen Erwartungen an die Flexibilität der Arbeitnehmenden (auch geographisch) und die immer schwieriger werdende Suche nach guten Fachkräften werden neue Modelle gefordert. Home-Office Lösungen, flexible Arbeitszeiten bis hin zur selbstbestimmten Ferienzeit (jeder Mitarbeitende nimmt nach seinen Bedürfnissen so viel Ferien, wie er möchte), fördern die Selbstverantwortung und können überall dort eingesetzt werden, wo nach klaren Zielvorgaben die Leistung gemessen werden kann. Dies gibt viele Freiräume zurück, welche durch die immer komplexeren Strukturen und Vorgaben der Unternehmen verloren gingen. Und nicht unwesentlich: es setzt Vertrauen in die einzelnen Mitarbeitenden voraus. Welches Modell auch immer gewählt wird: Arbeit und Privatleben müssen besser vereinbar werden. Firmen mit flexiblen Arbeitsmodellen werden zukünftig den Vorrang erhalten bei gut qualifizierten Bewerbern. Und geschätzten Fachkräften kann je nach Lebenssituation ein passendes Modell angeboten und die Mitarbeiterbindung erhöht werden.

Regina Portmann

Freelancer (Interim-Spezialistin), SwisSolution,

Physische Anwesenheit im Büro ist kein Beleg für Leistungswille, Produktivität und Loyalität. Trotzdem macht es Sinn, regelmässig Seite an Seite an einem Ort zu arbeiten, insbesondere wenn Face-to-Face-Kommunikation, inspirierende Zusammenarbeit oder der engmaschige Informationsaustausch entscheidende Erfolgsfaktoren sind. Zudem fördert Präsenz das Wir-Gefühl, spornt an und nicht selten entstehen die besten Projektideen in der gemeinsamen Kaffee- und Mittagspause oder in ad-hoc Team-Meetings. Wird jedoch 100%ige Anwesenheitspflicht verlangt, weist dies auf eine eher verstaubte Kultur hin. Junge Talente lassen sich damit sowieso kaum mehr anlocken oder halten. Leistung und Resultate zählen schliesslich mehr als Präsenz. Doch wieviel dieser Flexibilität verkraftet Arbeit in einem Team? Als Freelancerin, die in einem solch flexiblen System arbeitet (2 Tage Büro / 2 Tage Homeoffice), beschäftigt mich diese Frage. Als erfahrene Fachkraft muss ich schnell verfügbar und von Anfang an einsatz- und leistungsfähig sein. Meine Aufgabe ist es, personelle Lücken zu schliessen oder Engpässe im Team effizient und kompetent zu überbrücken. Die Einbindung in Standard-Unternehmensprozesse ist nicht immer zwingend. Nicht jede Sitzung ist Pflicht. So kann ich mich als Freelancerin auf die einzelnen Projekte fokussieren und das Team maximal unterstützen, verstärken und entlasten. Damit dieses Arbeitsmodell in einem flexiblen Team funktioniert, braucht es klare Regeln: Rahmenbedingungen müssen transparent festgelegt und die Erwartungen eindeutig formuliert werden. Dies ist eine Voraussetzung, um eine gute Vertrauensbasis zu schaffen. Die einzelnen Prioritäten, Prozesse und Timelines werden mit den Teamverantwortlichen abgesprochen. Die Arbeitsplanung ist besonders wichtig: wann wird was zu Hause, unterwegs im Zug oder im Büro erledigt? Es braucht eine disziplinierte Meeting-Kultur, auch bei virtuellen Konferenzen, damit effiziente und wirksame Arbeitsprozesse möglich sind. Die Erreichbarkeit wird dem Puls des Unternehmens anpasst, selbstverständlich mit einer gesunden und vertretbaren Abgrenzung. Der grösste Vorteil im ungestörten Homeoffice sehe ich darin, dass ich meinem eigenen Rhythmus folgen und so Zeiten höchster Produktivität im Tagesverlauf für kreative und konzeptionelle Aufgaben nutzen kann. Die Präsenztage im Büro sind trotzdem eminent wichtig. Regelmässiger, direkter Austausch mit dem Team an diesen „Jours fixes“ und Networking stehen dann jeweils auf der Agenda. Denn nur so können Strategie und Projektziele unmittelbar gespürt, richtig verstanden und für beide Seiten erfolgreich umgesetzt werden. Präsenz im Büro ist heute in meinen Augen nicht grundsätzlich veraltet, sondern eine Frage des Masses.

Doris Seltenhofer

Managing Director, Merck (Schweiz) AG

Home-Office, flexible Arbeitszeitmodelle auf der einen und Grossraumbüro, Spind auf Rollen und Desktop-Sharing auf der anderen Seite. Manchmal ist es eine Gratwanderung, einen Mittelweg zu finden, der allen gerecht wird. Wie können wir den Mitarbeitenden flexibles Arbeiten zuhause erlauben, aber den innovativen Informations-Austausch und die kollegiale Zusammenarbeit fördern, effizientes Arbeiten ermöglichen und gleichzeitig nicht leerstehende Büros bezahlen? Sind wir bereit, in einem anonymen Open-Space zu arbeiten, sich jeden Tag eine kostbare Pultfläche neu zu erobern, die Intimität des eigenen Arbeitsplatzes aufzugeben, sich für den lauten Gedankenaustausch in ein silent-space zurückzuziehen, den Rollo so zu regeln wie es der Allgemeinheit passt, um sich dann als „Gegenleistung“ für ein paar Tage ins Home-Office zurückziehen zu können, in welchem effizientes Arbeiten möglich ist, während gleichzeitig die Waschmaschine laufen kann, der Pöstler das Paket bringt (ohne dass man es abends trotz restriktiven Öffnungszeiten irgendwie abholen muss) und man nicht sinnlos 2 Stunden im nervtötenden Stau zum Büro stehen muss? Arbeitsmodelle sind ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten. Wenn wir die Bedürfnisse verstehen wollen und miteinander diskutieren, können wir von der Technik und den heutigen Möglichkeiten beidseitig profitieren.

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